Informationen zum Obelisken

Jede documenta bleibt nicht zuletzt im Gedächtnis durch die in der Stadt verbliebenen Kunstwerke. Man könnte gerade anhand dieser nachgelassenen documenta-Kunstwerke eine Geschichte der documenta schreiben. Berühmt sind vor allem die Spitzhacke von Claes Oldenbourg, die 5000 Eichen von Josef Beuys, die Skulptur Man walking to the sky von Jonathan Borofsky oder der Bronzebaum von Penone.


Anhand dieser Kunstwerke erinnert man sich noch Jahrzehnte später an die jeweilige documenta und ihre Botschaft. Auf der documenta 14 stand 2017 neben dem großen Parthenon der Bücher auf dem Friedrichsplatz vor allem ein Kunstwerk im Focus, das sich als das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument mit dem Thema Flucht und Migration auseinandersetzt: Eine Skulptur in Form eines Obelisken, den der in Biafra geborene Künstler Olu Oguibe dezentral auf dem Kasseler Königsplatz in Sichtweite der evangelischen Martinskirche, die zugleich die Bischofskirche ist, platziert hatte.

Schon während der documenta wurde der Künstler mit dem Arnold-Bode-Preis der Stadt Kassel ausgezeichnet, ein Preis, der seit 1980 an Künstler in Anerkennung ihrer herausragenden Leistungen für die Kunst der Gegenwart verliehen wird.
Der Künstler Olu Oguibe gehört seit vielen Jahren zu den wichtigsten afrikanischen Künstlern, daneben aber auch zu den wichtigen Kommentatoren und Interpreten afrikanischer Kunst. Er selbst hat als Kind die Traumata des Biafra-Krieges und die daraus resultierende Vertreibung erfahren. Diese ungeheure menschliche Tragödie hat sein soziales Ich geformt und stellt eine wichtige Triebfeder für seine künstlerische Arbeit dar. Heute lebt Olu Oguibe in den USA.
Zur Begründung der Preisverleihung wurde vonseiten der Stadt Kassel betont, dass Olu Oguibe sich in seiner Kunst immer wieder und in unterschiedlicher Weise mit Flucht und Migration beschäftigt habe, dass seine Arbeiten brennende Fragen und Themen der Gegenwart aufgreifen und er sie insbesondere durch seine Formgebung in historische und aktuelle Zusammenhänge stelle.
Die von Olu Oguibe errichtete 16 Meter hohe Stele in Form eines afrikanischen Obelisken auf dem Kasseler Königsplatz trägt auf allen vier Seiten ein Zitat aus Matthäus 25, 35 "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt" – in Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch - jeweils in golden gefärbten Lettern. Gefragt, welche Botschaft denn sein Kunstwerk habe, geht Olu Oguibe nicht nur ausführlich auf den jesuanischen Kern der biblischen Aussage ein, sondern gibt zu verstehen, dass letztere für ihn als nicht-religiösem Künstler gleichwohl eine universell-humanitäre Botschaft beinhalte. Und er kontextualisiert sie für Kassel:

Dass nämlich in dieser Stadt nicht nur aktuell Flüchtlinge aufgenommen würden, sondern dass die Stadt mit den Hugenotten seit mehr als 300 Jahren eine Kultur der Aufnahme von Migranten habe. Er verweist auch auf die vielen Arbeitsmigranten der Kasseler Industrie, die seit den 60er Jahren hier Aufnahme fanden.
Das komplexe Thema Migration und Beheimatung wird von Olu Oguibe mit einer visuell beeindruckenden und inhaltlich überzeugenden Klarheit auf den Punkt gebracht. Vielfach hat der Künstler die Programmatik, die Verortung und die konkrete Materialität seines Monuments erläutert. Warum wählt Oguibe dafür die Form eines Obelisken?

Der Obelisk, ein monolithischer Steinpfeiler mit einer pyramidenförmigen Spitze, stellte im alten Ägypten die Stein gewordenen Strahlen des Sonnengottes dar und galt so als Verbindung zwischen der hiesigen und der Götterwelt. Obelisken standen meist vor dem Tempel des Sonnengottes oder vor Pyramiden und waren überwiegend schmucklos glatt. Lediglich die Spitze war vergoldet bzw. mit Elektron überzogen, spiegelte so den Glanz der Sonne und damit die Macht des Sonnengottes wider. Ihr Schattenumlauf war Anzeiger für die tägliche Umfahrt des Gottes Re von Osten nach Westen. Sein genau bestimmter Auf- und Untergang und der unbeeinflussbare Jahresablauf machten Re zum Sinnbild der Weltordnung, zum Hüter des Rechts und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Später erhielten die Obelisken vielfach Inschriften. Für die Pharaonen, die sich als Sohn des Sonnengottes verstanden, wurden die Obelisken daher auch zum Symbol ihrer Macht. Mit dem Erstarken des Römischen Reichs wurden Obelisken oftmals als Siegestrophäen nach Europa gebracht. Große altägyptische Obelisken stehen außer in Luxor und Kairo heute in Rom, Istanbul, Paris, London, New York und vielen anderen Städten. Auf diese Weise enteignet, wurden die Obelisken zum Siegessymbol der Europäer.


Olu Oguibe selbst sagt dazu, der Obelisk sei ein afrikanisches Symbol, das von Europäern geraubt wurde, um es als ein Sieges- und Herrschaftssymbol einzusetzen. Er übergebe nun als Afrikaner den Europäern in freier Entscheidung einen Obelisken in Anerkennung ihrer humanitären Leistungen, aber er verweigere den Herrschaftsgestus, indem er den Obelisken dezentral platziere. "Traditionell ein herrschaftliches Zeichen, weigert sich dieser Obelisk, die königliche Mitte des kreisrunden Platzes zu besetzen und konterkariert durch diese Dezentralität subversiv jeglichen absolutistischen Machtanspruch", erklärte Vorsitzende des Kuratoriums der Arnold-Bode-Stiftung die Auszeichnung.
Der Künstler und der Leiter der documenta 14 haben den Obelisken gezielt auf dem von einem hugenottischen Architekten entworfenen Königsplatz und bewusst an dessen Peripherie lokalisiert. Damit ist das Monument nicht länger Siegessymbol, sondern ein Symbol der Einladung an die Randständigen, in dieser Stadt Heimat zu suchen und zu finden, kurz: willkommen zu sein. Der Obelisk steht an der Schnittstelle zwischen der Kasseler Mitte und der Kasseler Nordstadt – hingewendet mit seiner türkischen Inschrift zum „abgehängten“ Teil der Stadt. Insofern kann er auch nicht an einen anderen Ort verpflanzt werden (wie vielfach gefordert), ohne seiner Aussage verlustig zu gehen.
Die Materialität der Stele, die nicht aus Stein – Granit oder Marmor -, sondern aus Beton, also aus „armem“ Material besteht, untermauert diese Aussage. Die Inschrift jedoch „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ – wird als Reminiszenz an die auf die göttliche Sphäre verweisenden vergoldeten Spitzen der altägyptischen Obelisken – in goldfarbenen Lettern auf die Stele aufgebracht: Der Inschrift wird als Ausspruch Jesu göttliche Dignität beigemessen.


Es hat nun Tradition in Kassel, dass nach der jeweiligen documenta ein Kunstwerk im städtischen Außenraum mit Hilfe von Bürger-, Stiftungs- und Industriespenden angeschafft wird. Der finanzielle Aufwand dafür ist seit Jahrzehnten etwa gleich. Bei der letzten documenta 13 war das der Baum aus Bronze von Penone, für die aktuelle documenta 14 hat die Stadt Kassel den Obelisken von Olu Oguibe vorgeschlagen. Für das Kunstwerk, das allein von den Errichtungskosten sehr aufwendig war, ist ein Erwerbungspreis von 600.000 Euro angestrebt.  Diese Summe soll – so hat es in Kassel Tradition – durch Spenden aufgebracht werden. Bisher haben die Bevölkerung und eine Stiftung bereits ca. 100.0000 Euro gespendet. Wenn die Spendensumme geringer ausfällt, ist verabredet, dass sich die Beteiligten noch einmal zusammensetzen.


Deutlich ist aber auch, dass dieses Werk mit der Erinnerung und Mahnung an die christlich-humanitäre Botschaft Jesu nicht nur positive Resonanzen, sondern auch Widerspruch erzeugt. Vor allem eine Partei, die oftmals das sogenannte christliche Abendland beschwört, aber aus durchsichtigen Gründen kein Interesse an der Fremdenfreundlichkeit der Lehre Jesu hat, macht Stimmung gegen das Kunstwerk und sprach von „ideologisch polarisierender, entstellter Kunst“.


Gerade deshalb bedarf es u.E. unterstützender Akte, damit dieses Kunstwerk mit Bibelzitat im Zentrum der Stadt Kassel erhalten bleibt. Das Besondere ist ja, dass es aus christlicher Sicht nicht nur um die Aufstellung eines Kunstwerkes, sondern um die dauerhafte Präsentation der zentralen Botschaft Jesu Christi aus der Weltgerichtsrede geht.
Und dies vor allem unter dem Verweis auf die bisherige Geschichte der Stadt Kassel, die seit der Reformation zur Heimat von vielen Flüchtlingen und Refugees, von Vertriebenen nach dem 2.Weltkrieg, von Arbeitsmigranten, Russlanddeutschen, Jüdischen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion und Kriegsflüchtlingen geworden ist. Der Künstler hebt deshalb explizit hervor, dass sich die Aufnahmebereitschaft der Stadt nicht zuletzt aus der christlich-humanitären Gesinnung der Stadtbevölkerung speist.