Ein Fremder unter uns. Der Obelisk von Olu Oguibe in Kassel

 

 

In den Debatten um den Obelisken des nigerianischen Künstlers auf dem Königsplatz ist es nötig, sich einmal genau auf das Kunstwerk selbst zu besinnen.

 

Obelisken stammen aus dem alten Ägypten. Sie sind dort, seit dem dritten Jahrtausend vor Christus, als Zeichen für die Verbindung von Himmel und Erde aufgestellt worden, als Versicherung der Weltordnung, als Hüter des Rechts und als Garant der zwischenmenschlichen Beziehungen, dem Sonnengott Re gewidmet.

 

Obelisken sind dann nach Europa entführt worden. In Rom, Paris, London, New York und anderswo haben sich koloniale Mächte des afrikanischen Symbols bedient, um sich ihrerseits als Mitte der Welt, als Zwischenglied von Himmel und Erde darzustellen.

 

Nun kommt ein Obelisk nach Kassel, hierher gebracht von einem Afrikaner, gezeichnet von seiner, unserer Zeit. Er hat sich gewissermaßen zu uns geflüchtet, hat dabei sein Erscheinungsbild verändert, vom hellen Granit zum grauen Beton. Statt der ägyptischen Hieroglyphen trägt er eine mehrsprachige Inschrift. Auch die muß man genau lesen. „Ich war ein Fremdling, und ihr habt mich aufgenommen.“ Das sagt Jesus im Matthäusevangelium, Kapitel 25, Vers 35. Jesus redet vom Richter im Weltgericht, und der spricht zu denen, die den Fremdling einfach so aufnahmen, ohne strategische Überlegungen, auch ohne moralisches Überlegenheitsgefühl. Und der Richter lobt diejenigen, die das taten, denn sie haben, ohne das zu wissen, Jesus aufgenommen.

 

Der Obelisk ist selbst ein Fremdling hier. Wir haben ihn, das afrikanische Symbol der Weltordnung, den Hüter des Rechts und den Garanten der Beziehung zwischen den Menschen, über Monate hin aufgenommen. Der Kasseler Obelisk steht nicht in der Mitte des Platzes, wie die anderen, entführten Obelisken andernorts. Er steht am Rand. Er unterscheidet die Gründung der Ordnung von der Repräsentation der Macht. Aber steht er dennoch an einem besonderen Ort. Das sieht man nur, wenn man sich ihm, aus der Oberen Königstraße kommend, langsam nähert. Dann gewinnt man den einen, entscheidenden Blickwinkel, an dem sich auf einmal zwischen dem Turm der Lutherkirche, den Türmen der Martinskirche und dem Obelisken ein nahezu gleichseitiges Dreieck aufbaut. Er steht nicht allein, sondern verweist auf das, was wir, wenn überhaupt, „christliches Abendland“ nennen können.

 

Vielleicht hat ihn Oguibe darum mit dem Wort Jesu versehen, das keine Aufforderung, sondern eine Aussage ist. Der Obelisk steht da für die Aufnahme der Fremden, die schon erfolgt ist. Solches zu tun, dient der Weltordnung, dem Recht, den Beziehungen der Menschen. Der Obelisk trägt das biblische Wort in vier Sprachen und zweigt damit dessen universelle Geltung an. Es ist da auch im Arabischen und Türkischen geschrieben; keineswegs immer ist die Bibel wohlgelitten, wo diese Sprachen gesprochen werden. Aber ist das inzwischen in Deutschland und den USA, wo man Deutsch und Englisch spricht, anders?

 

Oguibes Obelisk ist, an diesem Ort, ein großes Kunstwerk. Es hat den Bode-Preis der Stadt Kassel zu Recht verdient, wenn man die vielfältigen Beziehungen wahrnimmt, die er eröffnet, und wenn man sich auf die Wirklichkeit einläßt, von der er zeugt. Er sollte bei uns bleiben.

 

 

 

Dietrich Korsch